"DAS HAUS HAT SICH WEITER ENTWICKELT"

Generalintendantin Regula Gerber zur Notwendigkeit eines neuen Logos für das Nationaltheater


Frage:
Frau Gerber, warum entschließen Sie sich in der Mitte Ihrer Intendanz zu einem neuen Logo?

Antwort:
Theater ist immer Veränderungen unterworfen. Als ich hier mit meinem Team in diesem Haus gestartet bin, wollten wir mit einem klaren Auftritt, der eine stärkere Konzentriertheit und Geklärtheit möglich machte, den Fokus intensiver auf die Inhalte auf der Bühne und den künstlerischen Neubeginn lenken. Das Logo hat diese Phase sehr gut repräsentiert und - wie sie an der öffentlichen Diskussion erkennen können - auch eine große Beliebtheit erlangt, obwohl es am Anfang auch deutliche Widerstände gab. Aber das Haus hat sich weiterentwickelt. Wir haben zum Beispiel seit 2006 eine völlig neue Entwicklung der Schauspiel-Sparte, die das Gesicht des Hauses entscheidend mit prägt, wir haben die „Junge Oper“ gegründet und den Mozart-Sommer als neues Festival – und im Programm hat sich noch vieles mehr entwickelt. Wir spüren dabei einen großen Rückhalt bei unserem Publikum. Sie können das an den höchsten Abonnentenzahlen seit elf und besten Besucherzahlen seit sechs Jahren ablesen. Damit wächst zugleich die Herausforderung, uns weiterhin zu verbessern. Dazu müssen wir immer wieder neue Wege suchen und beschreiten. Wir haben festgestellt, dass der bisherige Auftritt zu dem, was sich inzwischen inhaltlich entwickelt hat, nicht mehr so gut passt. Wir haben deshalb in den letzten Spielzeiten das alte Logo immer wieder überarbeitet, auch um es prägnanter zu gestalten, damit es über Distanzen besser wahrgenommen werden kann. Mit der letzten Variante des gestempelten Logos war die Grenze der Möglichkeiten erreicht.

Frage:
Inwiefern hat sich das Theater verändert?

Antwort:
Nicht nur das Theater hat sich verändert, auch die Gesellschaft um uns herum und damit auch unser Publikum. Wir bilden als Theater keine isolierte Insel, sondern bewegen uns mitten in unserer Gesellschaft. Wenn wir als Theater für die Menschen relevant sein möchten, müssen wir Theater im hier und jetzt machen. Theater kann dabei viele Funktionen übernehmen: Es kann der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten, es muss auch mal provozieren und es darf unterhalten. Unser Theater ist offener geworden, facettenreicher und trotzdem nicht beliebig. Das möchten wir mit dem neuen Auftritt nach außen tragen.

Frage:
Viele Theaterfreunde fürchten, dass die drei Buchstaben NTM vor allem den auswärtigen Besuchern nicht sagen, was sich dahinter verbirgt. Meinen Sie, dass die drei Buchstaben eine stärkere Aussagekraft haben als das bisherige Logo, das in stilisierter Form die beiden Häuser des Theaters zeigt?

Antwort:
Es ist tatsächlich so, dass auswärtige Besucher mit NTM im positiven Sinne – noch – nichts werden anfangen können. Wir haben von einem Marktforschungsinstitut eine repräsentative bundesweite Befragung durchführen lassen: Die Buchstaben NTM sind bei 95,4% der Bundesbürger über 14 Jahren nicht mit Assoziationen besetzt. Wir beschreiben sozusagen ein leeres Blatt; damit besteht auch keinerlei Verwechslungsgefahr. Die Buchstaben treten nicht isoliert auf, sondern werden durch den Schriftzug „Nationaltheater Mannheim“ begleitet. Wir sind und bleiben Nationaltheater. Außerdem ist das neue Logo auch Mittel zum Zweck. Das alte Logo brauchte viel Platz und einen ruhigen Hintergrund um zur Geltung zu kommen. Das neue Logo hat durch seine Klarheit genügend Präsenz, Platz für die vielen Bilder zu schaffen, die im Theateralltag entstehen. Denken Sie nur an die wunderbaren Bilder auf unseren Spielzeitcovern – das wäre mit dem alten Auftritt nicht hinzubekommen gewesen.

Frage:
Ihr bisheriges Logo, das die beiden Häuser des Theaters zeigt, hatte inzwischen einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht. Kein Marketingfachmann würde empfehlen, ein eingeführtes Logo ohne Not aufzugeben. Es dauert geraume Zeit, bis ein neues Logo wieder Bekanntheit, ja auch Vertrauen geschaffen hat. Was meinen Sie zu solchen Überlegungen?

Antwort:
Wenn wir ein kommerzielles Wirtschaftsunternehmen wären, müsste ich Ihnen Recht geben – da ist man zum Teil auf Gedeih und Verderb an seine Corporate Identity gebunden, auch wenn sie nicht mehr zeitgemäß ist. In der Kultur ist das glücklicherweise anders. Unsere Besucher kommen nicht weil wir ein Vertrauen erweckendes Logo haben, sondern wegen der Stücke die wir spielen und vor allem wegen des tollen Ensembles das wir hier am Haus haben. Im Theater sind die Menschen wichtig, nicht das gedruckte Papier. Genau genommen bräuchte man für unsere vielen Abonnenten und Stammbesucher gar kein Logo – die finden unser Haus auch so und hier in Mannheim gibt es auch nur ein Nationaltheater. Aber wir wollen auch immer die Menschen auf unser Haus neugierig machen, die noch nie bei uns waren oder sehr selten kommen. Mit der Farbigkeit des neuen Auftritts, der Spielfreude und Emotionalität transportieren kann, können wir die Wahrnehmungsschwelle, die viele Werbebotschaften bei uns unbewusst ausfiltert, leichter überspringen. Und natürlich verrät der neue Gesamtauftritt auch unserem Stammpublikum mehr über das was wir tun, als bisher der alte.

Frage:
Ob das neue Logo in seiner Ästhetik gefällt oder nicht gefällt, ist wohl weitgehend Geschmackssache. Was gefällt Ihnen an dem neuen Logo? Wurde es der SMSSprache entnommen?

Antwort:
Ich möchte es noch einmal betonen – es geht nicht nur um das Logo alleine, sondern um den Gesamtauftritt. Und das Logo hat in diesem Zusammenhang drei große Stärken: Erstens kann es in seiner Klarheit und Gradlinigkeit als Absender unserer Kommunikation dienen, ohne Bildern oder Informationen den Raum zu nehmen. Zweitens ist es unglaublich variabel. Es kann auf hellem oder dunklem Hintergrund erscheinen. Und immer wieder sucht sich die Farbe Rot quasi einen kleinen wechselnden Auftritt, in dem einer der drei Buchstaben eingefärbt wird. Ein Logo mit so vielen Varianten, das trotzdem eindeutig erkennbar bleibt, lädt zum Experimentieren ein. So nutzt es sich nicht ab. Und drittens können wir aus jedem Buchstaben oder Symbol durch einen entsprechenden Unterstrich
etwas entwickeln, das eindeutig zu uns gehört. So haben wir die verschiedenen Spartenlogos – wer weiß, vielleicht fällt uns noch viel mehr ein?

Frage:
Nehmen Sie an, dass das Kürzel NTM in die Mannheimer Gebrauchssprache eingeht? Im Kulturteil des Mannheimer Morgen wird der traditionsreiche Name des Nationaltheaters ja hin und wieder bereits durch das Kürzel NTM ersetzt. Wünschen Sie sich, das die Mannheimer demnächst ins NTM gehen statt ins Nationaltheater?

Antwort:
Wenn ich ehrlich bin – da bin ich völlig leidenschaftslos. Es kommt nicht darauf an, ob die Mannheimer ins Nationaltheater oder ins NTM kommen – Hauptsache sie sind da! Ob sich eine Abkürzung im Sprachgebrauch durchsetzen wird oder nicht, hängt sicher nicht vordergründig von unserem Logo ab. Vielleicht führt – um auf die vorige Frage zurück zu kommen – der alltägliche Gebrauch von SMS viel eher dazu, dass diese Abkürzung sich etabliert. Es hat in der Vergangenheit schon einmal ein Signet gegeben, das mit den Buchstaben gespielt hat. Die waren auf einer gezeichneten Bühne positioniert; auf den Sprachgebrauch in Mannheim hatte das damals keinen Einfluss. Solange das neue Logo auf Dauer mit unserem Haus verbunden wird – und da bin ich mir sicher, dass das sehr schnell klappt – ist sein eigentlicher Zweck erfüllt.

Frage:
Was kostet die Einführung des neuen Logo über die von Ihnen genannten Entwicklungskosten hinaus?

Antwort:
Da wir im Theater ohnehin die meisten Dinge Spielzeit für Spielzeit neu produzieren müssen, sind die Kosten gar nicht sehr hoch. Ob man nun T-Shirts oder Briefpapier mit dem alten oder neuen Logo nachdruckt, ist kaum ein Unterschied; manches ist billiger, anderes teurer. Ein gewisser Kostenfaktor ist noch die Umstellung der Internet-Seite, aber auch dort war ohnehin ein Relaunch fällig, den hätten wir so oder so in diesem Sommer machen müssen. Selbst da bleiben die Mehrkosten etwa in dem Rahmen, was auch die Entwicklung des Logos selbst gekostet hat, also im vierstelligen Bereich. Das ist sicherlich viel Geld, aber wenn wir unsere Arbeit stärker nach außen tragen können und mehr Menschen erreichen, eine sinnvolle und notwendige Investition.

Frage:
Haben Sie damit gerechnet, dass ein neues Theater-Logo in der Mannheimer Öffentlichkeit derart stark diskutiert wird wie dies derzeit der Fall ist?

Antwort:
Nein, das habe ich in der Form nicht erwartet – aber ich habe mich sehr darüber gefreut! Es zeigt doch, wie wichtig wir den Mannheimern sind und wie eng verbunden die Menschen unserem Haus sind. Wenn es ihnen egal wäre, würden sie nicht mitdiskutieren. Viele, die sich zunächst über das neue Logo aufgeregt haben, waren später vom Spielzeitheft begeistert. Das zeigt auch, wie wichtig der Kontext ist. Bei den Besuchern und Gästen die mich oder meine Mitarbeiter ansprechen, ist das Bild sehr ausgewogen: Die einen sind begeistert, andere skeptisch und manchen gefällt es gar nicht. Das ist ihr gutes Recht. Ich bin aber sicher, dass der neue Auftritt auf Dauer sehr gut funktionieren wird und dass auch unsere Zuschauer dies bald so empfinden werden.

(Die Fragen stellte Ulla Hofmann für die Freunde und Förderer des Nationaltheaters Mannheim e. V.)




Der Vorstand der Freunde und Förderer






Das neue Logo des NT




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